3.4.2024
Philippe Delerm: Le moteur de la deux-chevaux
(aus: Les instants suspendus)

Der Motor des 2 CV  

So wie man die Tonlage eines Satzes im Kopf behält, gesprochen von jemandem, den man einst sehr geschätzt hat, so bewahren wir auch so manches wunderbare Geräusch in uns, unverändert und einzigartig geblieben über all die Jahre. Der Motor eines 2 CV etwa. Er ist auf den Straßen kaum noch zu hören. Nur manchmal, mitten in der Stadt, anlässlich eines Werbeumzugs, drei oder vier Modelle mit einem Slogan auf den Türen. Sie bleiben nicht ohne Wirkung. Der 2 CV löst immer Sympathie aus, ein sehnsuchtsvolles Lächeln. So schlicht und doch so schick. 

Das Wiedersehen war gar nicht nötig. Wir tragen dieses Schnurren der Ente in uns. Sie ist etwas ganz Besonderes, diese Melodie ganz in Moll, wie ein leise wirbelnder Luftzug, der unmerklich das gewölbte Autoblech vibrieren lässt und seine Zerbrechlichkeit unterstreicht. Wenn das Geräusch ein wenig anschwillt, etwa beim Schalten in den dritten Gang, steuert es nicht wirklich auf einen Höhepunkt zu. Es bleibt ein geschäftiges, friedliches Stottern. Der Priester möchte pünktlich zur Messe erscheinen, ein Student hat das Autodach geöffnet, um den Wind hereinzulassen. Oftmals sind es Angler, die 2 CV fahren. Der Motor verlässt gerne das Miteinander im Straßenverkehr und schaukelt auf Feldwegen entlang. Es ist ein leiser Schluckauf. Ein alter Labrador, der sich alle Freiheiten herauszunehmen scheint und doch eine treue Seele ist. Ein blassgraues Motorgeräusch, ein scheinbar gleichförmiger Grundton, das mit jedem Neustart wieder an Fröhlichkeit gewinnt, immer von einem stillem, rhythmischen Keuchen unterlegt, als würde es sich bereits im Voraus lustig machen über seine melodiösen Eska-paden, um dann zum Wesentlichen zurückzukehren – zu einem verlängerten Akkord, einem einfachen Chanson, das im Einklang mit der Landschaft schwingt. 


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14.1.2024
Philippe Delerm: Sortir du tunnel
(aus: Les instants suspendus)

Das Ende des Tunnels  

Es ist bei weitem kein Urknall und letztendlich auch keine Überraschung. Mit einem Mal ist das Licht wieder da, als wäre es niemals weg gewesen. Dass es wieder kommen würde, ist keine Überraschung. Soeben hat der Zug den Tunnel wieder verlassen, am Takt der Schwellen hat sich noch nichts geändert. Nach der bedrückenden Enge der Röhre erwacht übergangslos eine vollkommene Aufmerksamkeit. Da war nur kurz dieses leise Anschwellen der Fahrgeräusche zu hören. Nichts Technisches, vielmehr ein ganz neuartiger Ton, wie eine Begleitmusik des Windes. Die Böschung gibt mit einem Mal für einen kurzen Moment den Blick auf die offene Landschaft frei. Keine Bilderbuchlandschaft, kein überwältigender Anblick. Keinerlei Regung oder gar Einklang. Die Geduld, die man im während der Fahrt durch den Tunnel aufgebracht hat, ist nun bedeutungslos. Die Zurückhaltung bleibt. 

Ob Gebirge, See oder Wald, ein Kirchturm, Wiese, Weinberge, Schlossruine oder Autobahn – man hat das alles schon gesehen und könnte es sich auch in Gedanken herbeirufen. Das allein löst noch kein tiefes Glückgefühl oder einen Freudenausbruch aus. Ein Stück weit steckt Leichtigkeit in diesem Anblick – irgendeine ungenaue Empfindung. Es würde jedoch verschwinden, wenn man sie genau erklären sollte. Man spürt die Geschwindigkeit des Zuges ebenso wie die eigene Bewegungslosigkeit. Die Kulisse prägt sich ein, gerade weil sie sich unmerklich entzieht. Es ist wie ein Ortswechsel, der sich ganz allein in den Gedanken abspielt. Ohne jede Anstrengung verändert sich mit jedem Kilometer der Anblick, ohne dass man etwas dazu tut. 

Oftmals hört man die Leute sagen: „Es wird Zeit aus dem Tunnel herauszukommen“ oder „Vielleicht kommen wir endlich wieder einmal aus diesem Tunnel heraus“. Im Zusammenhang mit einer Epidemie oder einer Finanzkrise mag das ein anschauliches Bild sein. Aber zu einer Zugfahrt passt diese Meta-pher nicht. Es ist schlichtweg eine Fahrt durch einen Tunnel. In einiger Entfernung vor dem Lokführer taucht irgendwann die helle Tunnelöffnung auf, die er sich längst herbeiwünscht und auf die er nun zusteuert. Die Fahrgäste spüren von dem bevorstehenden Ende des Dunkels nichts. Dann, im Bruchteil einer Sekunde, ist der Moment gekommen. Es zählt nur noch der Raum, in den man nun eintaucht, mit dem man verschmelzen wird. 

 
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7.11.2023
Philippe Delerm: Joyeux Noel
(aus: Les eaux troubles du mojito)

Fröhliche Weihnachten

Es ist unglaublich. Sofort ist man hellwach. Auf diesem Trödelmarkt unter freiem Himmel liegen auf dem langen Tisch Hosen, alte und neuere Spielzeugautos sowie Barbiepuppen,  darunter steht ein Karton mit einer ganzen Reihe von Tim und Struppi-Journalen, der scheinbar nur Ihnen auffällt. Die Hefte haben buchstäblich auf Sie gewartet. Auf der Titelseite dieser Nummer 582, der Ausgabe vom 17. Dezember 1959 steht in gelben Buchstaben auf schwar-zem Untergrund geschrieben: Fröhliche Weihnachten. Was hat man da mehr als fünfzig Jahre später für einen Schatz entdeckt? Das Heft trägt keine Preis-angabe. Alles ist wie damals. Man fühlt sich auch wieder so. Jeden Buchstaben dieser Titelseite spüren wir durch unsere Adern fließen. Wir hätten es nicht geglaubt, aber man trug selbst das kleinste Detail dieser Seite im Gedächtnis. 

Die Spitze eines Tannenzweiges reicht quer über die Seite. Daran ist eine rote Kugel aufge-hängt. Der Rest ist von Hergé einfach nur stark. Die Figuren feiern darin Weihnachten. Sie sind durch die runde Form der Kugel ziemlich verzerrt. In der Mitte Kapitän Haddock. Sein Gesicht erscheint ungewöhnlich groß. Statt des üblichen Whiskys hält er ein Sektglas in der Hand - man spürt, an Weihnachten ist er dazu bereit Opfer zu bringen. Es stimmt sogar in ein Weihnachts-lied ein. Den Text liest er von einem Blatt ab, das Tim in der Hand hält. Zu seiner Linken steht Professor Bienlein mit geschlossenen Augen, ganz durchdrungen von der Melodie des Liedes. Ganz im Hintergrund scheinen die beiden Schul(t)zes ganz verblüfft von der Stimmkraft des schwerhörigen Gelehrten. Man erinnert sich an jedes Detail und sogar an das stumpfe Papier, das man gerne zwischen den Fingern spürte. Jede Woche kauften wir uns das Tim und Struppi-Journal. Ein schönes wöchentliches Ritual. Nach der Begrüßung des Tabakhändlers Herrn Rousseau schwenkte ein flüchtiger Blick unmittelbar dorthin, wo sie gewöhnlich lagen, direkt neben den anderen Heften von Mickey und Spirou. Mit neun Jahren bedeutet eine Wartezeit von einer Woche eine halbe Ewigkeit. Man beschäftigte sich lange mit der Titelseite, als hätte das Lesen der Geschichten keine Eile. Aber im Grunde war es eine Art, um alles noch intensiver zu erleben. Wie in einem Café, wenn man darauf wartet, dass die Erwachsenen endlich ihr Glas ausgetrunken haben und zum Pfefferminzgetränk übergehen. Allerdings wussten die Hefte-macher sehr wohl mit unseren Nerven zu spielen. So fand sich auf der allerletzten Seite dieser Ausgabe 582 die Ankündigung einer neuen Episode: Tim in Tibet. Das Schlussbild zeigt Haddock und Tim, wie sie mit ihrem Freund Tschang unterwegs sind. Sie reiten mit ihm entlang eines großen Gebirgsmassivs. Aus dem Vordergrund beobachtet der Yeti die Szene. Er versteckt sich hinter einem Felsen und ist traurig darüber, dass sein kleiner Freund wieder in die Zivilisation zurückkehren wird. 

Nun sind wir hier, so viele Jahre später. Das Lächeln, das Ihnen über die Lippen kommt, ent-stammt aus einer längst entschwundenen Zeit. Das komplette Gegenteil von Nostalgie. Man ist den Geschichten verbunden geblieben, beeindruckt wie von dem Blick in die glitzernde Weihnachtskugel. Man hatte es damals nicht eilig die erste Seite umzublättern, und das ist auch jetzt so. 

- Wie viel sollen die Tim und Struppi-Journale kosten? 

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10.7.2023
Philippe Delerm: Il y a longtemps que vous attendez?
(aus: Je vais passer pour un vieux con)

Warten Sie schon lange?

In Wahrheit ist es gar keine Frage. Und wenn doch, könnte sie genauso lauten: "Sie warten doch noch nicht lange, oder?" Dabei ist derjenige, der Sie seit gut zwanzig Minuten in der Gegend herumstehen lässt, im Unrecht. Diesen Umstand will er auch gar nicht bestreiten, aber er will Ihnen, seinem Opfer, ein schlechtes Gewissen machen. Offenbar stört ihn Ihre resignierte Körperhaltung. Die Betonung der Frage legt nahe, dass Sie vorschnell die Geduld verloren haben. Sie wollen doch wohl nicht ernthaft andeuten, dass Sie schon lange warten! Nichts anderes suggeriert sein aufgesetztes Schuldbewusstsein.
Da er seine Unpünktlichkeit nicht leugnen kann, versucht er sich aus der Affäre zu ziehen, inderm er Ihre Pünktlichkeit in Zweifel zieht. Na gut, Sie waren vor mir da, aber es ist doch durchaus möglich... und es ist sogar äußerst unwahrscheinlich, dass Sie pünktlich waren. Und falls Sie Dummkopf wirklich zu früh da waren, haben Sie eben keine Umgangsformen. Wissen Sie denn nicht, dass es unhöflich ist, seinem Gegenüber das Gefühl zu geben, er hätte einen Fehler begangen?
Immer diese Umgangsformen! Bei einer geringförmigen Verspätung kriecht man zerknirscht zu Kreuze - es tut mir unendlich leid! - , ist die akademische Viertelstunde jedoch bereits überschritten, tritt man sehr viel ungenierter auf.
Die dreiste Frage ist in zweierlei Hinsicht perfide. Zunächst einmal können Sie keine Antwort der gleichen Art stellen, weil sie sonst womöglich einen Streit vom Zaun brechen würden, was weder Sie noch Ihr Gegenüber wollen. Deshalb schütteln sie nur leicht den Kopf, und falls Sie ernsthaft verärgert sind, setzen Sie vielleicht noch eine verzeihende Miene auf. Ein besonders unverfrorener Zuspätkommer treibt die Impertinenz dann noch auf die Spitze, indem er scheinheilig fragt: "Sie haben doch meine Handynummer?" Auf diese Unverschämtheit können Sie nicht antworten: "Es wäre ja wohl an Ihnen gewesen, mich anzurufen!", denn damit würden Sie sich auf vermintes Gebiet begeben. Angriff ist immer noch die beste Verteidigung.


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20.6.2023
Philippe Delerm: Apprendre une nouvelle dans la voiture
(aus: La première gorgée de bière)

Beim Autofahren Nachrichten hören

France Inter, es ist siebzehn Uhr. Sie hören die Nachrichten. Am Mikrofon begrüßt Sie..." Die kurze Erkennungsmelodie, dann. "Eben kommt die Nachricht aus dem Fernschreiber: Jacques Brel ist tot."
An dieser Stelle irgendwo zwischen den Ausfahrten Evreux und Mantes führt die Autobahn bergab in ein Tal ohne besonderen Reiz. Hunderte Male bist du hier entlanggekommen, nur darauf konzentriert, einen Laster zu überholen oder ob du genügend Kleingeld für die nächste Zahlstelle der Autobahngebühr zur Hand hast. Jetzt wird die Landschaft auf einmal angehalten, gefriert zu einem Bild. Es dauert den Bruchteil einer Sekunde. Du weißt, das Foto ist gemacht. Dieser anonyme, graue, dreispurige Hang, der drüben zum Seinetal führt, wird etwas Besonderes, Einzigartiges. Das hättest du ihm nie zugetraut. Vielleicht ist sogar der rot-weiße Antar-Tankwagen von der rechten Spur mit im Bild. Es ist, als würdest du die Wirklichkeit eines Ortes entdecken, den du gar nicht hattest kennen lernen wollen, mit dem du bis heute nur eine gewisse Langeweile verbunden hast, die leichte Ermüdung der verdrießlich-abstrakten Fortbewegung.
Von Jacques Brel hast du so viele Lieder in dir. Jugenderinnerungen an Chansons, die brodelnden Körper beim Applaus für "Amsterdam" 1964 im Olympia. Aber all das wird mit der Zeit verschwinden. Erst werden viele Brel-Chansons im Radio laufen und jede Menge Nachrufe. Dann ein paar weniger, schließlich so gut wie keine mehr. Aber jedes Mal wirst du dieses Tal mit der Autobahn wieder vor dir sehen. Es mag absurd sein oder magisch, du kannst nichts dafür. Das Leben dreht einen Film, die Windschutzscheibe deines Autos kann zum Bildschirm werden, das Autoradio zur Kamera. Teile des belichteten Films wirbeln in deinem Kopf herum. Es liegt aber auch an der trügerischen Vertrautheit mit diesen Landschaften, die sonst unbemerkt vorüberziehen, einander abwechseln und deren eine sich jetzt plötzlich von den anderen abhebt. Jacques Brels Tod ist eine dreispurige Autobahn, rechts fährt ein Antar-Tanklaster.


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15.5.2023
Philippe Delerm: Les eaux troubles du mojito
(aus: Les eaux troubles du mojito)

In den trüben Gewässern des Mojitos

Wir sitzen gesellig zusammen und reden über dieses und jenes, endlich wieder draußen auf der Terrasse. Es ist heiß, wir entscheiden uns für einen Cocktail. Oftmals schwimmen Farbtupfer darin, tropische Rottöne, und Kokosnussaromen steigen auf. Ein Gefühl, als säße man in einer kleinen, sonnigen Ecke des Club Med. Man scherzt über sich selbst, über seine Sehnsucht und die kindliche Gier nach dieser karibischen Sphäre, die der Rum mit sich bringt.

Und dann der Mojito. Olala! Der Name kommt aus Südamerika. Eigentlich hat man sich ihn ganz anders vorgestellt. Man wird sich nichts anmerken lassen, einfach weiter dem Gespräch folgen und betont gleichgültig bleiben, wenn der Kellner das Glas auf den Tisch stellt. Man spürt, dass ein Abenteuer in der Luft liegt. 

Er ist so ganz anders, so trüb. Von Anfang an liegt im Mojito eine Einladung zum Hinein-tauchen, zu einem Tauchgang bis auf den Meeresboden, was sicher nicht ganz einfach sein wird. Man wird umher schwimmen, vielleicht auf der Suche nach einem Wrack oder auch um an den fremdartigen Algen entlang zu streifen, die den Taucher ihrerseits berühren und umschlingen möchten. Dieses Wechselspiel ist verlockend. 

Der Mojito ist zugleich klar und auch trüb. Zwischen dem Grün und in den schattigen Berei-chen natürlich, mit helleren Zonen an der Oberfläche und unergründlichen Geheimnissen in größeren Tiefen. Man taucht die Lippen darin ein und wird überrascht von dieser Frische, die das Gestrüpp in diesem feuchten Sumpf hervorbringt. Ein Cocktail fordert Zeit, immer wieder Pausen bis zum nächsten Schluck. Mit dem Mojito in der Hand wird man nicht inte-ressanter. Die Verkostung aber macht Spaß. Dabei bestimmt er die Regeln. Das Erstaun-lichste ist diese anhaltende Süße in einer solchen Mangrovenlandschaft mit so giftigen Grüntönen. Man wird von einem Frösteln durchdrungen, wehrt sich nicht. Man weiß, am Ende dieser Herumirrens im Trüben wird sich eine angenehme Wärme im Körper ausbreiten, eine Euphorie. Aber man muss sich in diesem Dickicht aus Minzblättern treiben lassen, ohne Angst verschluckt zu werden, und niemals den Glauben daran verlieren, dass man wieder auftauchen wird. Grenzen überwinden, sich treiben lassen, sich in Gefahr bringen, auf unendlicher Suche, abtauchen. Nur dann wird der Genuss aufsteigen.

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28.4.2023
Philippe Delerm: Le contre-jours du Luxembourg

(aus: Les eaux troubles du mojito)

Im besonderen Licht des Luxembourg

Es kann auch am Namen liegen, an seinem Klang, an dem, was darin an Bildern mitschwingt. Die drei Silben Luxembourg stehen für etwas Kostbares und Verborgenes. Es ist ein Garten, aber er verkörpert vor allem ein Gefühl, das sich weder heute noch im Rückblick ganz ergründen lässt. Es wird dort Schach gespielt, aber wohl nur von ungeselligen, lässigen Typen, die sich hier regelmäßig treffen, deren Blick man nicht sucht. Es wird dort Tennis gespielt, oft mehr recht als schlecht – der Trainer schämt sich ein wenig und scheint sich zu langweilen. Und man spielt dort Pétanque, durchaus passabel, aber ohne diese Redseligkeit, wie sie in Marseille üblich ist. Einige Besucher sitzen am großen Wasserbecken in den bequemen, dunkelgrünen Stühlen mit schräger Rückenlehne und genießen unersättlich die Sonne.

Wie auch in den Tuilerien findet sich auf den Wegen zu viel Sand, eine Trockenheit, die den sinnlichen Genuss schmälert. Man spürt sehr wohl, der Geist des Jardin du Luxembourg ist auch noch in den entlegensten Winkeln der Anlage greifbar, in den verschlungenen Allee-wegen, in der Tiefe des Laubs. Auch abseits des Kiosks und der Anlage, in der durch gärtne-rische Kunstgriffe Spalierobst radikal in die gewünschte Form geleitet und aufs Genauste beschriftet wird. 

Manche Schatten leben von einem besonderen Licht, von Sonnenstrahlen, die seine Konturen hinter einen honiggelben Schleier legen. Die Umrisse sind so zart, entziehen sich einer Berüh-rung. Wo der helle Staub im Sonnenlicht wirbelt, zum Greifen nahe, und auch mit einer fernen, mittelalterlichen Aura, verwischen die Grenzen des Horizonts. Weder der Morgen noch der Abend, allein die Mittagsstunde bringt dieses geheimnisvolle Schauspiel hervor. Es verdankt seine Kraft den schräg in den Park hereinfallenden, undurchsichtigen Strahlen, aber mehr noch jedem einzelnen Schritt, den Besucher seit jeher bis in die ver-borgenen Winkel spaziert sind, und ihren Gefühlen: Müdigkeit, Melancholie, schwebenden Hoffnungen, Viertelstunden des Wartens oder Stunden gefühlter Langeweile. Wenn man sich im Park für ein paar Minuten zurückziehen möchte und Ruhe sucht, sich selbst vergisst, könnte man als Belohnung deutlich dieses plötzliche Aufblitzen der Vergangenheit erleben, diese besondere Minute, die so würdevoll und so unauffällig vorüberzieht – das besondere Licht im Luxembourg.


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21.3.2023
Philippe Delerm: Il va pleuvoir sur Roland-Garros

(aus: La sieste assassinée)

Regen über Roland Garros

"Météo-France meldet Schauergefahr in ungefähr zwanzig Minuten." Jäh haben die Farben über dem Court gewechselt. Der orangefarbene Bodenbelag hat eine rote, beinahe bräunliche Mattheit angenommen. Die blassgrünen Planen mit dem Werbeaufdruck BNP - Banque Nationale de Paris - vermitteln auf einmal die Atmosphäre eines Hallenbades, einer öden Turnhalle. Es regnet noch nicht wirklich, aber eine Art Niesel scheint in der Luft zu liegen, denn die Konturen werden weich.
Dann der bang erwartete Momente, in dem der aufschlagende Spieler zum Himmel schaut und gleich darauf zum Schiedsrichter. Dieser sitzt unerschütterlich auf seinem Sitz und sagt gelassen den Spielstand an: 15-30. Er muss beweisen, dass er es ist, der hier die Entscheidungen trifft. Für einen der beiden Spieler ist es immer von Vorteil, wenn das Match unterbrochen wird. Es geht weiter, aber man beachtet den Spielstand nicht mehr so genau. Gleich wird der Regen einsetzen. Das ist eine jener Situationen, in denen man etwas befürchtet und dabei genau weiß, dass es eintreffen wird. Als der Wolkenbruch einsetzt, unerbittlich prasselnd, gibt man die Hoffnung auf, ohne zu murren. In Sekundenbruchteilen ist der Schiedsrichter von seinem Stuhl herabgestiegen, sind die Ersatzschläger und Handtücher tief in den Sporttaschen verschwunden, haben die Balljungen die große, dunkle, weiche Plane ausgebreitet.
Dann geht alles seinen Gang. Du sitzt vor dem Fernsehbildschirm und spürst so etwas wie  den Duft der Rimbaud'schen Linden in den Junialleen in der Nase. Wie die Zuschauer im Stadion auch, flanierst du beim Warten durch deine Gedanken. Er herrscht Stille, ein Nichts, ein Schweben. All die Technologien, all die angestrengten, auf das Turnier gerichteten Werbebemühungen und sportlichen Leistungen verfallen in eine leichte melancholische Trägheit. Nächste Woche beim Finale wird gutes Wetter herrschen, das weiß du schon jetzt. Der Boden wird arenarot sein und die Teleobjektive werden ihre Monsterschnauzen recken. Aber im Augenblick liegt ein wenig Verdruss über der Szenerie, du spürst Lust auf eine Tasse Tee und möchtest gern einen Pulli überziehen, obwohl es so mild ist. Regen über Roland Garros.

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12.2.2023
Philippe Delerm: Réussir un petit pont

(aus: C'est trop bien)

Durch die Beine spielen 

Du kannst auch üben, wenn du alleine bist. Jonglieren zum Beispiel. Du zählst jeden Ball-kontakt. Meist spielt man mit dem Spann. Um den Ball im Spiel zu halten, hilft vielleicht auch einmal der Oberschenkel, die Innenseite des Fußes, manchmal auch der Außenrist. Als du das erste Mal über fünfzig Kontakte geschafft hast, war das etwas ganz Besonderes. Aber ein Freund, der im Verein spielt, hat von seinem Trainer gesagt bekommen, dass jonglieren und gut spielen zweierlei Dinge sind. Du kannst auch ein Roulette üben. Das ist eine Finte, bei der du den Ball während einer raschen Körperdrehung mit der Sohle mitziehst und den Gegenspieler ins Leere laufen lässt. Wenn du alleine spielst, stören solche Spielereien niemanden, aber wenn wir im Hof oder im Park ein kleines Spielchen machen, solltest du solche Kabinettstückchen besser lassen. Du selbst bist nicht so locker wie sonst, und auch die Teamkollegen mögen so etwas nicht. Sie sagen, dass dadurch das Spiel lang-samer wird. Man gilt als Angeber und hätte den Ball besser abspielen sollen. 

Wenn genügend Platz ist, kannst du versuchen, den Ball auf einer Seite des Verteidigers vorbeizuschieben und ihn auf der anderen Seite zu umlaufen. Dabei musst du den Ball weit genug vorlegen. Meist ist aber der herausstürzende Tormann vor dir am Ball. 

Das Meisterstück ist sicher das Tunneln des Gegenspielers. Wenn der Verteidiger vor dir auftaucht, versucht man ihn normalerweise mit einer Körpertäuschung zu überspielen – man täuscht an und entscheidet sich im letzten Augenblick für die andere Seite. Manchmal liegt für einen Augenblick der große Coup in der Luft. Es scheint möglich dem Gegner den Ball durch die Beine zu spielen. Wenn es tatsächlich gelingt ihn zu tunneln, ist es fast so, als spiele man schlichtweg durch ihn hindurch. Hast du einen Verteidiger vor dir, der nicht zu den allerbesten gehört, wird er besonders darauf achten, die Beine geschlossen zu halten. Ein guter Verteidiger dagegen wird ein Tackling wagen und mit ausgestrecktem Bein nach dem Ball grätschen. Nur für einen Sekundenbruchteil eröffnet sich so die Gelegenheit ihn zu tunneln. 

Ein Verteidiger möchte natürlich um keinen Preis so düpiert werden. Das ist für ihn die Höchststrafe. Es kommt vor, dass er nach einer solchen Aktion für den Rest des Spiels den Angreifer ein Stück weit aggressiver angeht. Aber dieser winzige Moment, in dem du spürst, dass ein Tunnel gelingen könnte, ist einfach außergewöhnlich. Beim ersten Mal begreift man vielleicht noch gar nicht, wie es hat gelingen können. Es gibt ein Gefühl von Freiheit, Leichtigkeit, Finesse. Natürlich solltest du aber nicht bei jeder Gelegenheit versuchen den Verteidiger zu tunneln. Er stellt sich sonst darauf ein und du selbst machst dich lächerlich, wenn du ihm den Ball in die Beine spielst. Ein zwei Versuche im Spiel reichen völlig aus. So bleibt es immer ein besonderes Vergnügen. Es ist ein schönes Gefühl, dem Gegner durch die Beine zu spielen. 


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28.11.2022
Philippe Delerm: Ombres portées
(aus: Paris l'instant)

Die Natur der Schatten

Nichts ist zerbrechlicher, bedrohter. Nichts ist gegenwärtiger und kurzlebiger. Und trotzdem scheinen manche Schatten in Paris sehr alt zu sein. Sie werfen Jahrhunderte alte Bilder in unsere Zeit. Etwa das gegenüberliegende Gebäude. Mit seinem verwinkelten Dach, seinen Dachluken, zeichnet es sich treppenförmig an einer nüchternen, weißen Mauer ab, vielleicht ist da eine Katze, ein Mansardenzimmer, in dem man wie Balzac studieren könnte. Ja, so ist das: ein Schatten wie aus dem 19. Jahrhundert, der im Spiel von Wind und Wolken jederzeit verschwinden kann. Rue Champollion. Die Nachmittagssonne schafft die passende Kulisse für eine Operette: Sie wirft den Schatten des filigranen Balkongeländers an eine Hauswand. Es ist, als finge eine brünette südländische Schönheit gleich zu singen an. Place Saint-Sulpice: Die pompöse Bauweise mit strengen Linien, die man von der Schwarz-Weiß-Mode kennt, löst für kurze Augenblicke Gefühle, auch Demütigungen aus, die hinter ausdrucks-losen Mienen verborgen bleiben. Man wird zwischen den Zeilen lesen müssen: Der verbor-gene Stolz der makellosen Hausfassaden bleibt den Menschen auf der Schattenseite des Lebens unverständlich. Saint-Séverin, Anfang Frühling. Auf dem hell strahlenden Mauerwerk bewegt sich lautlos der Schatten des schlichten Kreuzes, schiebt sich über die schmucklosen Kirchenfenster und vermischt sich mit den Bewegungen der Blätter und Äste. Ist das nicht das gleiche Schauspiel, das sich im Winter auf der Mauer von Saint-Médard abspielt, wenn sich der Schattenriss des angestrahlten Baumes hin und her schwingt und sich zwischen einem schemenhaften Kreuz und einem menschlichen Schatten einzuordnen versucht? 

Und am Abend sieht man die Schatten, im Schein der Laternen, auf den kleinen Plätzen und den Pflastersteinen der Gehsteige allmählich länger werden. Mit ihnen kommen Erinnerungen an längst vergangene Zeiten zurück, die man in Straßencafés verbracht hat, denen man nachtrauert, das Unbeschwerte der Vergangenheit. Aus allem scheinen bedrückende Pflichten geworden. Die Schatten haben am Abend diese unscharfen, verschwommenen Konturen, als müsste alles noch vor Ende des Tages eins werden, die Liebesgeschichten vergangener Tage, die Jahre der Kindheit. Oftmals währen diese abendlichen Schatten nur einen einzigen Wimpernschlag, und sie sprudeln vor Wissen und Erinnerung.

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22.10.2022
Philippe Delerm: Le journal du petit déjeuner
(aus: La première gorgée de bière)

Die Morgenzeitung

Ein paradoxer Luxus: Im Moment des vollkommensten Friedens, im Kaffeeduft, mit der gan-zen Welt in Kontakt treten. Die Zeitung berichtet vor allem von Katastrophen, Kriegen, Unfäl-len. Dieselben Nachrichten im Radio zu hören, das hieße schon, sich dem Stress von Sätzen auszusetzen, die in einem Tonfall von hämmernden Faustschlägen präsentiert werden. Mit der Zeitung ist es das Gegenteil. Du faltest sie mehr schlecht als recht zwischen Toaster und Butterdose auf dem Küchentisch auseinander. Die Gewalt der Welt, die du abgelenkt zur Kenntnis nimmst, riecht nach Johannisbeergelee,  Kakao, geröstetem Brot. Schon in sich wirkt die Zeitung beruhigend. Was in ihr steht, ist weder der heutige Tag noch die Wirklichkeit. Der ewig gleiche Namenszug der Tageszeitung relativiert die Katastrophen der Gegenwart. Sie sind nur da, um dem häuslichen Ritual etwas Würze zu geben. Die Größe der Seiten und das Gedrängel mit der Kaffeeschale machen die Lektüre umständlich. Du blätterst vorsichtig um, entlarvend langsam: Es geht dir weniger um das Gedruckte als um die Freude am gedruckten Werk.
In Filmen wird die Zeitung oft durch das Rotieren der Druckpressen verkörpert oder durch die aufgeregten Rufe der Straßenverkäufer. Die Morgenzeitung, die du früh aus dem Brief-kasten ziehst, hat nichts Fieberhaftes. Sie berichtet, was es gestern Neues gab, und diese scheinbare Heutigkeit hängt irgendwie noch mit dem Nachtschlaf zusammen. Außerdem sind die die vermeintlich langweiligen Seiten wichtiger als die ganzen Sensationsgeschichten. Du liest den Wetterbericht. Eine köstliche Abstraktion. Statt draußen nach den Zeichen am Himmel Ausschau zu halten, hältst du dich an das, was in der Zeitung steht, umspült vom bittersüßen Kaffee. Vor allem die Sportseite ist beständig und beruhigend. Die Be-richte von Niederlagen wecken stets die Hoffnung auf eine Revanche, die früher kommt als die Trauer über ein verlorenes Spiel anhält. In der Morgenzeitung während des Frühstücks passiert nichts, und genau darum tauchst du hinein. Sie gehört zum Genuss wie der heiße Kaffee und das Toastbrot. Du liest darin, damit die Welt sich treu bleibt und der Tag sich Zeit lässt.

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21.7.2022
Philippe Delerm: A l'envers des paupières

(aus: La sieste assassinée)

Unter den Lidern

Urtierchen, Amöben, wie damals im Biologieunterricht unterm Mikroskop. Du wusstest nie so genau, ob es wirklich das war, was du da auf dem dünnen Glasplättchen sehen solltest. Aber doch, das war schon alles, diese fahlen, transparenten, bewimperten Dinger. Du liegst am Strand in der heißen Sonne. Mit geschlossenen Augen. Die Amöben schwimmen auf dem Bildschirm der Lider vorüber. Sachte treiben sie von links nach rechts, verschwinden dann nach oben. Die nächste kommt in Sicht. Wenn du die Augen ganz fest zudrückst, würdest du sie natürlich nicht mehr sehen. Aber genau mit diesem verschleierten Blick fühlst du dich wohl, rücklings in dem warmen Sand geschmiegt. Gleichzeitig anwesend und doch weit entfernt. Du hörst alles: die Brandung, darüber legt sich das Kindergeschrei, das schrille Konzert der Möwen. Dann und wann gelangt ein Satz an dein Ohr, gesprochen unter einem der benachbarten Sonnenschirme:
"Also seitdem ich am Sonntag diese Sendung im Fernsehen gesehen habe, mag ich gar nichts mehr essen!"
Meistens aber hörst du Befehle, die in die Luft aufsteigen:
"Marine, nicht so weit!..."
Die Amöben ballen sich zusammen, bilden vergängliche Gruppen, Kurven und Zickzacks. Kleine, flüchtige Wasserperlen. Sie zeichnen die Rückseite des Himmels und des Sommers. Jetzt sieht es aus wie ein Insekt, hat die Gestalt einer Gottesanbeterin, die auseinanderbricht, bevor sie lebensig wird, und da, jetzt erkennst du den Großen Bären, danach Tapiokakörner, durchscheinend und rund.
Mit dem Schauspiel auf der Innenseite der Lider kuschelst du dich in die Wärme, in die gedämpften Geräusche, in träge treibende Gedankenlosigkeit. Wie damals unterm Mikroskop: eine Welt, die sich endlos zwischen zwei Wimpernreihen regt, unermesslich, winzig kleine, und die nun von dieser Bildschirmrückseite verschwindet. Bald wirst du die Augen aufmachen. Das Meer wird schmerzhaft grün sein. Aber du hast es nicht eilig, dich vom Grau zu verabschieden.

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2.4.2022
Philippe Delerm: Les mains de Mona
(aus: L' extase du selfie)

Die Hände der Mona Lisa

Über das Lächeln der Mona Lisa ist schon viel gerätselt worden. Manche sahen darin heitere Gelassenheit, Finesse, vielleicht einen leisen Hauch von Ironie, auch eine geheimnis-volle Ausstrahlung oder versteckte Selbstgefälligkeit – besonders scharfsinnige Beobachter glaubten darin auch eine gewisse Albernheit zu entdecken. Wenn es sich aber, wovon auch manche ausgehen, um ein Selbstporträt von Leonardo da Vinci handeln sollte, müs-sen alle diese Erwägungen selbstverständlich in Frage gestellt oder sollten zumindest mit Vorsicht behandelt werden. Niemand spricht von den Händen der Mona Lisa, die auf diesem Dreiviertelporträt ebenfalls den Blick auf sich lenken. Sie bilden den Sockel des Gemäldes und den unteren Abschluss dieses stolzen Körpers, der so ganz heraustritt aus den zeitüblichen Darstellungen von Heiligen. 

Das berühmteste Gemälde der Welt. Die berühmteste Frau der Welt. Auch die schönste? Man weiß, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Dryaden von Rubens flößen uns auch eher Grauen als Lust ein. Die Florentinerin Lisa Gherardini, Gattin von Francesco del Gio-condo – die meisten Kunsthistoriker sind sich darin einig und sehen in dieser Frau das Vorbild der Mona Lisa –, hat ohne Zweifel wohlgefällig erscheinen müssen, gerade sie, selbst wenn wir als Betrachter heute dazu neigen, neben ihrer Sanftheit auch eine gespielte Gelassenheit zu sehen. Was aber lässt sich zu ihren scheinheilig übereinander gelegten Händen sagen, über diese Haltung, die etwas von Langeweile und Nichtstun hat? Sicherlich, in dem Moment, da Leonardo sie für alle Zeit auf seiner Leinwand festhielt, tat sie nichts anderes als Modell zu sitzen. So viele vor ihr haben sich wesentlich mehr verstellt und willentlich ein ungezwungenes Bild vorgetäuscht. Das sei ihnen zugebilligt. Hat der Maler Lisa wohl darum gebeten, in dieser Weise zu posieren, in dieser übertrieben steifen Haltung, die jede lebendige Geste verbietet? Oder hat sich die Gattin von Francesco selbst für diese Wirkung entschieden? Sie ahnte jedenfalls sicher nicht, dass ihre kleinen, übereinander ruhenden Hände dem Mysterium ihrer Schönheit bis in alle Ewigkeit einen Beigeschmack verleihen würden. 

 
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24.1.2022
Philippe Delerm: Jeu de paume
(aus: L' extase du selfie)

Handspiel

Eine typisch männliche Geste, die gerne dann ins Spiel kommt, wenn es sich um ein etwas heikles Manöver handelt, bei dem volle Konzentration gefordert ist und beide Hände das Lenkrad fest umgreifen sollten. Stattdessen zieht der Fahrer mit kühnen Gesten seine Show ab. Der Kaugummi wird zum Sinnbild seiner Lässigkeit. Nur der Handballen kommt beim Lenken zum Einsatz. Das Beherrschen seines Boliden scheint ihm in die Wiege gelegt. Er hat es im Blut. Erst eine kraftvolle Bewegung des Lenkrads in die eine Richtung, dann in die andere – ein James Bond beim Einparken. 

Seine Vorstellung demonstriert Unbeschwertheit. – Schaut her, ich berühre das Lenkrad kaum, aber alles gehorcht mir. Und doch verbirgt sich hinter dieser sanften Berührung seltsamerweise eine Theatralik, die arrogant und zugleich abstoßend wirkt, allein wegen des zur Schau gestellten Lenkens mit dem Handteller. Die Ausstrahlung eines Machos, der andere Männer nicht ernst nimmt und denkt, dass Frauen ihren Führerschein im Lotto gewonnen haben. Klar ist es möglich ein Auto auch nur mit der flachen Hand zu lenken... Aber in diesem Fall geht es dem Typen um etwas anderes. Er will sagen, ich bin besser als ihr, lässiger, pfiffiger, schneller. Anstelle der gewünschten Bewunderung erntet der Angeber aber sehr schnell Missbilligung. Er weiß sehr wohl, dass er von allen gesehen wird. Jedoch in einem schlechten Licht. 


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26.7.2021
Philippe Delerm: La sagesse du tireur
(aus: L' extase du selfie) 

Die Erfahrung des Legers

Beim Pétanque ist der Schießer der wahre Held. Mit einem schwungvollen, präzisen Schuss vermag er die bestehende Ordnung zu sprengen: Sein Volltreffer entfernt die gegnerische Kugel, die gerade noch nah am Schweinchen lag und den Punkt hatte, schlichtweg aus dem Geschehen. Ein helles, triumphierendes KLACK krönt seinen vollkommenen Schuss. Die Philosophie des Legers ist dagegen eine ganz andere. Er verkörpert Bescheidenheit, für ihn ist eine gute Kugel relativ. Es kommt nur darauf an, die Kugel erst einmal näher am Schweinchen zu platzieren als der Gegner. Er missachtet keineswegs die Beschaffenheit des Bodens, macht sie sich sogar zu seinem Verbündeten und stellt sich auf den Unter-grund ein. Wenn er im Wurfkreis in die Hocke geht – und im wörtlichen Sinne des Wortes Pétanque mit geschlossenen Füßen spielt –, nimmt er sich die notwendige Zeit, um jede Unebenheit des Terrains in Augenschein zu nehmen, jede Mulde, jede tückische Stelle. Er scheint etwas unschlüssig, aber dennoch voll konzentriert. Sein Blick gleicht dem eines Schachspielers, dem eines Studenten, der über einem trigonometrischen Problem brütet. Welcher Weg verspricht der beste zu sein? Diese Frage stellt sich auch ein Zen-Mönch. Die Wege des Heils sind unergründlich. 

Der Leger spielt noch etwas mit der Kugel in seiner Hand. Dann endlich der Wurf, in den alle seine Überlegungen einfließen. Er scheint dabei fast regungslos. Nur eine Bewegung aus dem Handgelenk, im passenden Augenblick. Es ist weniger ein Werfen als mehr ein vorsichtiges Loslassen der Kugel, besser noch, ein dosierter Wurf mit Rückdrall. Gewissermaßen ein Abbild des Lebens. Nur eine überlegte Entscheidung führt ans Ziel. Die Kugel dreht sich in der Luft, scheint bedauerlicherweise mit etwas zu viel Schwung gespielt, nur gebremst durch die mitgegebene Rotation. Mit einem kurzen dumpfen Aufprall landet sie auf dem Bo-den und rollt noch ein Stück in die zugedachte Richtung. Auf dem ebenen Gelände macht sie noch ein paar Umdrehungen, aber nicht ohne dem unberechenbaren Untergrund ausgesetzt zu sein. Bevor die Kugel endlich zum Liegen kommt, wägt man ab, ob sie wohl nicht zu langsam ist. Spieler der gegnerischen und der eigenen Mannschaft treten nun näher heran. Der Leger bleibt noch im Hintergrund, beißt sich leicht auf die Lippen, als wollte er sa-gen: Ja, gar nicht so schlecht, vorläufig hat sie den Punkt, aber ein wenig näher hätte es schon sein können. Auch wenn der gegnerische Schießer sich entschließen sollte, diese Kugel mit einem neuerlichen Schuss anzugreifen, verliert der Leger keineswegs seine Geduld. Noch einmal baut er Konzentration auf, überlegt noch einmal so viel, mit der ganzen ihm eigenen Ruhe. Es ist wie im Leben. Man muss immer wieder von vorne beginnen. Am Ende der Aufnahme gewinnt nie die Kugel, die perfekt gelegt schien.

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26.5.2021
Philippe Delerm: L' effacement ostentatoire
(aus: L' extase du selfie)

Ein demonstrativer Schritt zur Seite

Der Bürgersteig ist weder breit noch schmal. Es ist problemlos möglich, bequem neben-einander zu gehen, selbst wenn der ausladende Verkaufsstand des Lebensmittelhändlers den Platz ein wenig einschränkt. Im Grunde stört er nicht. Als Sie gesehen haben, dass Ihnen eine Passantin entgegen kommt, war Ihnen sofort klar, dass sie, dort in Höhe der Orangenkisten, stehen bleiben und einen Schritt zur Hauswand hin machen wird. Keine Frage, wäre ein solches Manöver wirklich notwendig gewesen, auch Sie wären natürlich dazu bereit gewesen. Sie sind schließlich kein Rüpel. Aber es ist eben anders gekommen: Nun ist Ihnen ein Dienst erwiesen worden, um den Sie gar nicht gebeten haben und der in Ihren Augen zudem überflüssig war. Das bringt Sie in Verlegenheit. Mit den Lippen deuten Sie, ohne jedes Lächeln, ein sehr förmliches Dankeschön an, in das Sie ein wenig Missbilligung hineinlegen – dazu ein leichtes Heben der Augenbrauen, das so viel bedeutet wie „unnötig, aber trotzdem danke“. 

Sie hatten genug Zeit, um sich ein Bild davon zu machen, mit wem Sie es da zu tun hatten. Eine sehr, fast zu wohlerzogene Person, die ihre gute Erziehung nicht als Selbstverständ-lichkeit erachtet, sondern offensiv zur Schau stellt. Einen verborgenen Angriff inszeniert, der aus einem demütigen Schritt zur Seite das Gefühl des stillen Triumphs ableitet, sich höflicher, aufmerksamer und zuvorkommender als der andere verhalten zu haben. 

Die Passantin hat ihr Opfer nicht zufällig ausgewählt. Den teilnahmslosen Passanten, die auf den Bildschirm ihres Handys fixiert sind oder mit Stöpseln im Ohr halblaut vor sich hin summen, zeigt sie keineswegs offen ihre Einstellung; Ihnen aber hat sie angemerkt, dass sie beide in ihren moralischen und gesellschaftlichen Vorstellungen gar nicht so weit aus-einander liegen. Sie weiß, dass Sie sich auf den Schlips getreten fühlen. Sie aber müssen zwangsläufig an ihr vorübergehen und sie hinter sich lassen. Das Spiel ist aus – und sie ist die Siegerin. 


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24.2.2021
Philippe Delerm: Elle se regarde l'écouter
(aus: L' extase du selfie)

Sie hört zu und schweigt

Sie legt den Ellenbogen auf die Rückenlehne des Stuhls, um sich etwas abzustützen, der Kopf leicht geneigt, die Hand an der Wange. Nur ein einziges Mal schüttelt sie ganz beiläu-fig ihr Haar. Alles an ihrer Körperhaltung drückt aus: „Du kannst beginnen. Ich höre dir zu.“ Sie ist ihrem Begleiter zugewandt, der offensichtlich weder ihr Ehemann noch ihr Liebhaber ist. Eher ein guter Freund, jemand, der tausend interessante Dinge zu erzählen weiß. 

Zweifellos ein besonderer Augenblick. So weit entfernt von der Stadt, so tief im Inneren des Parks, der Schatten so zart, und am Ende der Allee das leise Plätschern des Brunnens. Er beginnt zu reden. Welcher Mann wäre ihrer Aufforderung nicht gerne gefolgt, welcher Mann hätte nicht dieses Bedürfnis sich ihr mitzuteilen? Nur kurz hat er noch innegehalten, entzückt von dieser einmaligen, liebevollen Einladung, doch mit seiner Erzählung zu beginnen. Eine Unterhaltung, so weit entfernt von all den widerstreitenden Wortgefechten zwischen Männern. Dieses kurze Schweigen zu Beginn ist einzigartig. Eine aufgesetzte Anekdote wäre nun völlig unangebracht. Er muss nur bei seiner Geschichte bleiben, die alles, was sie über sein gleichförmiges Leben weiß, auf den Kopf stellen wird und letztendlich die Auf-merksamkeit rechtfertigt, die sie ihm schenkt. 

Sie wirkt wenig überrascht. Das ist gut so. Da befällt ihn ein leichter Zweifel. Hört sie ihm überhaupt aufmerksam zu? Alles an ihr verrät neben ihrem Interesse an seinen Gedanken auch ein körperliches Wohlgefühl. Sie beobachtet sich selbst dabei, wie sie seinen Worten lauscht. Mit einem Finger spielt sie in ihrem Haar, konzentriert sich darauf, ihr Wohlwollen zu zeigen, was er durchaus, wie hinter einem kaum wahrnehmbaren, sanften Schleier, zu bemerken meint. Sie sieht so hübsch aus, wenn sie zuhört, und ihr Ernst verleiht ihr eine ganz eigene Schönheit, die er normalerweise an ihr so nicht kennt. Kurz überlegt er, sie vielleicht mit einer Zwischenfrage zu einer Reaktion zu bewegen. Aber nein, der Augenblick ist zu kostbar. Warum ihn also aufs Spiel setzen? Er wird weiterreden und sie beim Schweigen betrachten. 

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10.4.2020

Philippe Delerm: Je vais relire Proust
(aus: Je vais passer pour un vieux con)

Ich sollte mal wieder Proust lesen

Ein wahrhaft großes Werk glänzt durch seine Abwesenheit. Wenn man diesen hübschen, aber hohlen Aphorismus wörtlich nimmt, ist Marcel Proust der größte Schriftsteller aller Zeiten. Gewiss ist es interessant, im Fernsehen auf eine Talkshow mit Proustlesern zu stoßen und festzustellen, dass sie Bewunderer der Suche nach der verlorenen Zeit entgegen dem Vorurteil den unterschiedlichsten Milieus angehören. Noch faszinierender jedoch ist das Thema der Sendung selbst: die Proust-Leser. Solche eine Sendung kann man sich über keinen anderen Schriftsteller vorstellen, ganz gleich, wie berühmt er ist.
Proust zu lesen ist eine Philosophie für sich. Das gilt für alle, die dieser Aktivität nachgehen und ganz selbstverständlich davon schwärmen, so als wäre Prousts Werk ein zweites Zuhause, in dem man lieb gewonnene Gewohnheiten pflegt, ein Ort, der Schutz vor den Enttäuschungen des Lebens bietet. Aber mehr noch gilt das für alle, die über keine Praxiserfahrung verfügen und trotzdem eine sehr genaue Vorstellung von dieser Tätigkeit haben. Das mag an der vagen Erinnerung an die Szene mit der Madeleine liegen, die man in der elften oder zwölften Klasse interpretiert hat. Jedenfalls gibt es jenseits dieser Gedächtnissplitter ein geradezu magisches Bewusstsein für Prousts Werk, das wegen seiner vermeintlichen Unzugänglichkeit immer ein wenig bedrohlich erscheint, das einem aber trotz aller Unkenntnis merkwürdig vertraut vorkommt, wie ein Freund oder ein Gefährte.
Warum also nicht gleich mit der Lektüre beginnen? Einige wenige Zeitgenossen - die großen Ausnahmen - geben zu, dass sie es nie versucht haben. Als Rechtfertigung führen sie an, dass sie diese notwendige literarische Begegnung auf die Zukunft verschoben hätten, auf einen Tag, an dem sie keine prosaischen Pflichten mehr zu erfüllen hätten: Nein, wirklich, ich freue mich schon sehr auf die Lektüre, aber ich will den Kopf dafür frei haben. Virtuell sind diese Leute bessere Leser als die realen.
Die meisten potentiellen Leser der Suche nach der verlorenen Zeit haben jedoch eine so hohe Meinung von dieser literarischen Bastion, dass sie ihre mangelnde Praxis nicht offen zugeben. SIe murmeln nur leise: "Ich sollte mal wieder Proust lesen." Dieser Satz ist nur halb gelogen, und das ist der größte Triumph des Asthmatikers vom Boulevard Haussmann. Niemand traut sich zuzugeben, ihn nicht gelesen zu haben. Man schämt sich seiner Abwesenheit.

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29.3.2020

Philippe Delerm: Dépenser cent francs dans un hypermarché
(aus: C'est toujours bien)

Hundert Francs in einem Supermarkt ausgeben

Es ist eine ganz kurze Aktion, die sich, mit schnellen, hastigen Gesten, vollkommen heimlich in einer verborgenen Ecke des Esszimmers abspielt, unmittelbar bevor sich die Großeltern wieder auf den Heimweg machen. 

- Komm, kauf dir etwas davon… - Und sie stecken dir einen Umschlag in die Hosentasche. Man umarmt sich und wird dabei etwas verlegen, vor allem deshalb, weil es immer das glei-che Spiel ist. Nun betreten die Eltern wieder die Bühne. Mit einem freudigen, aber auch peinlich berührten Gesichtsausdruck zeige ich ihnen das Kuvert. Sie tun so, als maßregelten sie die Großeltern. Das wiederum ist ihre Rolle in diesem Spiel. Ich kenne die ganze Szene nur zu gut, aber sie mitzuspielen ist unangenehm. Es hat etwas Unehrliches. Sich dagegen am darauffolgenden Mittwochmorgen mit einem Geldschein zu 100 Francs in einem riesigen Supermarkt wiederzufinden, das ist sehr schön. 

- Hör, ich brauche eine gute Stunde! sagte Maman. Wir treffen uns an der Kasse wieder. 

Ich fühle mich ganz leicht und rutsche nahezu auf den Sohlen durch die Gänge des Super-marktes. Eine ganze Stunde, um sich auszutoben. Es ist, als hätte man alle Zeit der Welt, als gehöre einem der ganze Laden. Es macht sogar Spaß, auch einmal all die Sachen anzu-schauen, die gar nicht für Kinder gedacht sind. Wieviel Sauerkraut mit Beilage könnte man für 100 FF kaufen? Und wie viele Päckchen Reis? Wie viele Flaschen Beaujolais? Ohne Witz, es wäre gar nicht so schlecht 22 Flaschen Cola zu kaufen, die man, noch im Karton, in sei-nem Zimmer deponieren und trinken würde, sobald einem danach wäre. Natürlich kauft Ma-man auch manchmal Cola, aber sie überwacht den Konsum genaustens – und außerdem hätte die Cola, die man in seinem Zimmer aufbewahrt, einen ganz eigenen Geschmack. Viel amerikanischer. Und beim Trinken würde man die Füße auf den Schreibtisch legen. 

Auch in der Abteilung für Schokolade gibt es interessante Sachen zu entdecken. Ich könnte nahezu alle Sorten kaufen: mit Pralinenfüllung, nach Konditorart, mit Erdbeeren gefüllt… Oder 17 Tafeln weiße Schokolade. Da kann man richtig ins Träumen kommen. Natürlich ist es wichtig, beim Einkaufen auch ein wenig vernünftig zu bleiben. Aber es ist schön, sich all diese kleinen Verrücktheiten vorzustellen, während die Zeit vergeht und ich leichten Schrittes durch die Gänge schlendere. Letztlich ist die getroffene Wahl gar nicht so schlecht. König Ottokars Szepter (das einzige Tim und Struppi-Album, das ich noch nicht hatte), ein Päckchen englische Bonbons (ihr wisst schon, die gelb-rosafarbenen, die es rund und länglich gibt, mit einem kleinen Stück Lakritze als Füllung oder Glasur), und einen schönen nachfüllbaren Kugelschreiber in Lindgrün. 85 Francs 70 Centimes. Ich habe nicht einmal alles ausgegeben – etwas Geld muss ich zurückbehalten, um mir auch an einem anderen Tag noch etwas kaufen zu können. Ganz alleine gehe ich durch die Kasse und werde offiziell Be-sitzer der wunderschönen Gegenstände, und das mit dem Segen des kleinen elektronischen Gerätes der Kassiererin, das bip-bip macht, um den Kauf zu bestätigen. Da kommt Maman mit einem Einkaufswagen, voll mit nützlichen Besorgungen. Ich bedauere sie ein wenig. Unnötige Dinge einzukaufen ist viel schöner. 

 

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26.1.2020

Philippe Delerm: La tranchée d'Arenberg
(aus: La tranchée d'Arenberg)

Die Schneise von Arenberg

Das Rennen ist noch jung. Paris-Roubaix. Eine gepflasterte Passage im Wald, scheinbar ohne vorent-scheidenden Charakter auf den Rennausgang. Die zahlreichen Zuschauer sind seit einigen Jahren wachsam - nicht wenige der Gladiatoren hatten sich in der Vergangenheit durch eine schamlose Betrügerei einen Vorteil erschlichen: Um das Kopfsteinpflaster zu vermeiden, waren sie etwas nach rechts ausgewichen und im Rücken der Zuschauer die Gerade entlang gezogen. Aber da stehen eine Menge Leute. Warum also dieses Risiko? 

Die Antwort liegt im Namen der Passage: die Schneise von Arenberg. Manche sagen auch der Schützengraben von Arenberg. Denkwürdige Bilder des Radsports. Da herrscht Krieg zwischen den Fahrern, die alle davon träumen, in die Geschichte einzugehen. Nur durch die Farbe ihrer Trikots unterscheiden sie sich voneinander. Über den gleichförmigen Bewegungen der Pedale wabert in der Nebelluft die Melancholie der einstigen Kriegsfront. In einem Norden ohne Gesicht, irgendwo zwischen Scarpe und Schelde. Die Einheimischen empfinden zweifellos Stolz für ihre Heimat, an schönen Tagen vielleicht sogar Wohlwollen. Aber bei allen anderen weckt die Gegend eher Unbehagen – und es gab hier genug davon. Oder auch wieder einmal die Hoffnung auf eine besondere Dramatik, wie in früheren Jahren, als man an einem ruhigen, fast langweiligen Sonntagnachmittag bequem von zuhause aus die Übertragung des Rennens im Fernsehen mitverfolgte. In der Umgebung des Waldes von Saint-Armand-Wallers versprechen die Namen nichts Beruhigendes: Wandignies-Hamage, Hornaing, les Trieux-d’Escautpont. 

Ein Norden ohne Gesicht. Die unförmigen, zerklüfteten Pflastersteine zeichnen die Stufen zur Hölle nach. Den tauben Sinnen der Teilnehmer entgeht der Osterschmuck im Unterholz. Die Fahrer müssen alle Kräfte zusammennehmen. Nur kein Sturz oder im Peloton steckenbleiben. Es ist wichtig, einer der Überlebenden zu sein, sich in der Spitzengruppe zu halten. Schließlich die Kreuzung Arbre. Regen bedeutet Schlamm, Sonne garantiert Staub. Die Radhose und die Farben der floureszierenden Trikots verschwinden unter dem aschbraunen Schmutz der Strecke, verwandeln sich in Sepia; die Fotos werden aussehen wie aus einer früheren Zeit. 

Der Schützengraben von Arenberg trägt einen Hauch Belgien herüber, also auch leise germanische Anklänge. In der angekratzten Kehle ein Nachgeschmack von Bier, von Krieg und Niemandsland. Die Kommentatoren haben nichts hinzuzufügen: 

„In zehn Kilometern werden die Fahrer den Wald von Arenberg erreichen.“ 

Es gibt nichts mehr zu lachen. Für einen Ausreißversuch ist es noch viel zu früh. Das Fahrerfeld weiß um die bevorstehenden Narben. Die Schneise von Arenberg ist wie eine Droge auf dem Weg zu einer Heldentat. 


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30.12.2019
Philippe Delerm: C'est bien d'aller à l'étranger
(aus: C'est bien)

Es ist schön ins Ausland zu reisen

Es verspricht vermeintlich kein großes Abenteuer, die Grenze von Frankreich nach Belgien zu passieren, und die Eltern können noch so oft sagen, dass sie kaum zu spüren sein würde. Trotzdem scheint sie irgendwie magisch. Wenn man auf der anderen Seite ankommt, ändert sich mit einem Schlag einfach alles: Die Straße ist typisch belgisch, ebenso das Gras, und selbst die grauen Wolken am Himmel. Am Ufer des kleinen Kanals entlang der Straße sitzen Angler, geschützt unter großen, typisch belgischen Regenschirmen, und auch ihre Geduld ist typisch belgisch. 

Wenn alles plötzlich wie aus einer anderen Welt erscheint, dann sicher auch aufgrund der eigenen Vergangenheit, aber nicht nur deshalb: Vor allem die Wegweiser verändern einfach alles. Ja, diese sorgfältig am Straßenrand aufgestellten Metallschilder haben wirklich eine ungewöhnliche Macht.  Einer der Wegweiser zeigt gleich an der ersten Kreuzung «Rijssel» an, genau in der Richtung, aus der man gerade kommt. 

- «Rijssel», was ist das? 

Und dann das Unglaubliche: «Rijssel» soll in Wirklichkeit «Lille» sein. Ja, «Lille», diese zwei-fellos französische Stadt, die im Kopf Bilder der eigenen Familie entstehen lässt, schöne wie auch dunkle Kapitel, Bilder eines Flusses, von Kohle, und die Erinnerung an ein Café voller Licht und Zigarettenqualm. 

Aber «Rijssel» kann doch nicht wirklich «Lille» sein. Es muss zwangsläufig etwas anderes gemeint sein; es steckt eine ganz andere Vorstellung von Leben und Stadt hinter einem solchen Wort - oder sogar wirklich eine ganz andere Stadt. «Rijssel», das klingt fruchtiger und im gleichen Moment auch rauer als «Lille», viel schöner, viel voller, weil es doch auch etwas ganz anderes ist, und ganz woanders. 

So allmählich gewöhnt man sich an die blau-weißen Schilder, die auf dieser Seite der Gren-ze zum Leben dazu gehören. Trotzdem schwingt hier etwas Unbekanntes in den Ortsnamen mit, und genau das macht das Geheimnisvolle der Reise aus. Einmal mussten wir nach Bruges und nach Oostende fahren. Und tatsächlich fahren wir nach «Bruges» und «Oostende». «Brugge» klingt viel härter als «Bruges», und «Oostende» viel mehr nach Norden als «Osten-de», viel mehr nach einer kalten Hafenstadt und Sturmböen, gegen die man wehrlos ist. Für Bruges bevorzugt man den französischen Namen, denn der Nebel entlang der Kanäle hat etwas Weiches. Aber es muss unbedingt «Oostende» heißen, denn dort stochert man – ty-pisch Belgien – während eines Spaziergangs am Meer geräucherten Fisch aus kleinen Schälchen. Wir leihen eines dieser kleinen, typisch belgischen Strandketcars aus, bezahlen mit einem belgischen Geldschein, der hier viel mehr Kaufkraft besitzt als ein französischer, und auf dem auch eine viel größere Zahl steht. Später entfernt man sich noch ein wenig von den Eltern, steht alleine am Meer, in einem Land, das so ganz anders ist. Es ist magisch, die Grenze zu überqueren. 

 

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20.12.2019
Philippe Delerm: C'est bien, l'autoroute la nuit
(aus: C'est bien) 

Es ist schön nachts auf der Autobahn 

Es wird wohl wie immer damit enden, dass man einschläft. Aber diesmal nimmt man sich ganz fest vor während der Fahrt wachzubleiben. Das Auto ist ungewohnt, ein wenig wie ein kleines Haus, in dem man sich sehr geschützt fühlt, auch ein wenig wie ein Flugzeugcock-pit, mit den vielen Anzeigen, die im Dunkeln leuchten. Überwiegend runde Lichter, in phos-phoreszierendem Grün auf dem Armaturenbrett, wie kleine orangefarbene Sternchen dort, wo sich Fensterheber und Zigarettenanzünder befinden. 
Niemand spricht, du kannst dir im beruhigenden Brausen des Motors Geschichten aus-denken. Alle scheinen an Bord einer sehr ruhigen, beschaulichen Reise, mit einem Hauch von Weltall. Die Zeit ist ohne Bedeutung, die Straße existiert gar nicht wirklich, bis zu dem Moment, als das blaue Schild Caféteria 2 Kilometer auftaucht. Caféteria: Diese Lichtinsel am Horizont, die im Scheinwerferlicht immer größer wird, wie eine geräuschlose Stadt in der Nacht. 
An der Raststätte halten wir an, und mit der Erlaubnis der Eltern vertritt man sich in dem langgestreckten, großen Laden etwas die Beine. Mitten in der Nacht ist da kein einziger Kunde. Du nimmst dir Zeit, im Licht von Neonröhren all die Drehständer mit Musikkassetten anzusehen, die Dosen Cola und die mit leuchtend roter und grüner Limonade, still und sprit-zig, und die Modellautos, die man nicht kauft, die aber wegen der sehr hohen Preise fast ein wenig magisch wirken. 
In seinen Hosentaschen sucht man nach ein wenig Kleingeld und entziffert die fremdarti-gen Ausdrücke an den Automaten: „Espresso“, „Extrazucker“, „Filterkaffee“. In den Toiletten gibt es einen elektrischen Händetrockner. Wenn niemand in der Nähe ist, kannst du auch den Kopf darunter halten, und du fühlst dich schön warm und leicht. 
Alles ist sehr unterhaltsam, aber innerhalb kürzester Zeit kommt in dieser künstlichen, küh-len Umgebung bereits Langeweile auf. Aber warum? Man hat wieder Lust sich im Auto zu verkriechen und sich bis zum Ende der Fahrt nicht mehr zu bewegen. 
Du öffnest die Autotüren und findest erleichtert deine ganze guttuende Unordnung aus zer-knautschtem Kissen und zerkrümeltem Kuchen wieder. Das rollende Schiff verlässt ohne Bedauern das nahezu menschenleere Parkhaus und kehrt wieder zurück unter den freien Himmel. Keine Stadt zu durchfahren, keine Kreuzung, keinerlei Hindernis. Nur noch gemäch-lich dahingleiten, die Augen so gut es geht offen halten, sich allmählich in den Schlaf wiegen lassen und schon im Voraus diese Stille fürchten, wenn man angekommen ist und aufwachen wird. Irgendwo weit weg von hier, am anderen Ende der Nacht.
 
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22.1.2019
Philippe Delerm: Triomphe à l'ombre         
(aus: La tranchée d'Arenberg)

Glücksmoment im Schatten 

Es ist ein mythischer Augenblick. Sekunden für die Ewigkeit. Zugegeben, aus dem Marathon ist ein Lauf wie fast jeder andere geworden. So viele Hobbyläufer haben diese Distanz schon einmal bewältigt, und mit ihnen Tausende Gleichgesinnte. Zugegeben, man erwartet die Marathonläufer selbst bei den großen Wettkämpfen nicht mehr mit dieser ehrfurchts-vollen Anspannung wie sie noch bei Alain Mimoun oder Abebe Bikila herrschte  –  die als Sieger noch frisch aussahen, während alle Verfolger mit großen Handtüchern umsorgt wurden und kämpften, als wären sie eben noch durch die Hölle gegangen. Zugegeben, das eigentliche Rennen, leidenschaftlich und hautnah erlebbar, hat ohne Zweifel einiges von seiner Faszination eingebüßt, seitdem die Fernsehkameras jeden Meter begleiten. 

Aber es gibt diesen einen Moment, kurz vor dem Einlauf ins Stadion. Der in Führung Liegen-de weiß bereits, dass er gewinnen wird. Ein paar Meter im Dunkeln liegen noch vor ihm, durch den schattigen Eingangstunnel, unter den Tribünen hindurch ins Stadion. Ein Triumphbogen aus nacktem Beton. Beim Durchlaufen öffnet sich mit jedem Schritt mehr ein rechteckiges Fenster zum Himmel, der bevorstehende Triumph erstrahlt in diesem Licht. Der Läufer spürt ein noch kaum wahrnehmbares Raunen, das sich steigern und aufbranden wird, sobald er im Stadion erscheint. 

In diesem Tunnel ist der Läufer mit sich allein. In einigen Sekunden wird er Teil des Stadions sein. Alle werden sich von ihren Sitzen erheben. Er wird der Sieger des Marathonlaufs sein. Es ist grotesk: Gerade auf diesen letzten Metern scheint es nicht mehr auf jede Sekunde anzukommen. Später, vor den Journalisten, wird er von seiner Ankunft im Stadion sprechen. Er wird diese wertvollen Momente in der Dunkelheit niemals vergessen. Auf dass diese we-nigen Schritte unter dem Triumphbogen, als der Läufer alles schon gewonnen hatte, aber die Ziellinie noch nicht erreicht war, ihn für immer tragen. Auf dass gerade durch den Schat-ten das Licht erst so richtig hell erstrahle. 

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20.5.2018

Philippe Delerm: Le Tour de France
(aus: La première gorgée de bière

Die Tour de France 

Die Tour de France bedeutet Sommer. Einen Sommer, der gar kein Ende haben kann, die Mittagshitze im Juli. In den Häusern zieht man die Läden zu, das Leben verlangsamt sich, Staub tanzt in den Sonnenstrahlen. Drinnen sitzen, obwohl der Himmel so blau ist, darüber könnte man noch reden. Aber vor einem Fernseher kleben, während draußen die Wälder eine besondere Tiefe haben, das Wasser Erfrischung verspricht, und dieses Licht! Trotzdem, du darfst das, denn du tust es, um die Tour de France zu sehen. Das ist ein ehrwürdiges Ritual, das nichts mit Faulenzen oder Trägheit zu tun hat. Außerdem siehst du nicht mal eben die Tour de France, du siehst sie jedes Jahr. Ja, im Hintergrund der über die Straßen der Auvergne oder der Pyrenäen gefenden Fahrer sind zart die Fahrer der Vergangenheit zu sehen. Unter den fluoreszierenden, phosphoreszierenden Trikots von heute siehst du die aus Wolle - Anquetils gelbes Trikot, mit nichts darauf als dem gestickten Namenszug Helyett, der Fahrradmarke; das besondere kurzärmelige blau-weiß-rote von Roger Rivière; das purpurviolett-gelbe von Raymond Poulidor, Mercier-BP-Hutchinson. Durch die modernen Räder hindurch ahnt man die Reifen, die Lapébie oder René Vietto damals geschultert haben. Der einsam ragende Brocken des Gipfels La Forclaz zeichnet sich über dem überbevölkerten Asphalt von Alpe-d'Huez ab.
Immer wieder findet sich einer, der sagt:
"Also was ich an der Tour besonders mag, das sind die Landschaften!"
Tatsächlich, es geht quer durch ein überhitztes, festliches Frankreich, dessen Menschen sich in den Ebenen, den Städten und in den Bergen aneinander reihen. Die Verschmelzung zwischen ihnen und der Umgebung findet in kindlicher Begeisterung statt, mitunter von übermütigem Gejohle durchbrochen. Doch vor dem Hintergrund des felsigen Galibier, des nebligen Tourmalet dient ein wenig gallische Deftigkeit nur dazu, die mythische Dimension der Helden zu unterstreichen.
Die weniger entscheidenden Etappen im flacheren Gelände werden ebenso begeistert verfolgt. Das Gefühl, die Tour mitzuerleben, ist hier gedrängter, kompakter, und sie bietet dem Werbetross einen guten Auslauf. Was interessieren einen die Sensationen in der Wertung. Was zählt, ist die Idee: für einen Augenblick mit ganz Sonnenfrankreich, Erntefrankreich eins zu sein. Auf dem Bildschirm des Fernsehers sieht ein Sommer aus wie der andere, und die dramatischsten Wettfahrten schmecken nach Minzsirup.

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4.2.2018

Philippe Delerm: En haut des marches
(aus: Paris l'instant

Am Ende der Treppe 

Man kommt von unten herauf, aus der feucht-schwülen Hitze der Metroschächte, die sich eigentümlich mit der klinischen Sterilität der weißen Fliesen des Gewölbes vermischt. Mit müdem Blick hat man sich Richtung Ausgang durchgekämpft – abgesehen von den zwei oder drei Vorauseilenden, die mehrere Stufen auf einmal nehmen und die Treppe hinaufstürzen, folgen die anderen einem eher trägen Rhythmus. Nichts und niemand schert aus. Jeder bleibt in diesem Strom aus Fußgängern für sich – gleich einer Insel. Jemand hat Ihnen gerade so die Schwingtüre aufgehalten und Sie haben es Ihrerseits genauso getan, ohne die Augen zu Ihrem Hintermann zu heben. Man ist einige Stufen nach oben gestiegen, erwartet nichts als in der Masse mitzuschwimmen. Und plötzlich zieht etwas Ihren Blick nach oben, macht Sie leichter, trägt Sie hinauf. Dieser Ausschnitt von blauem Himmel am Ende der Stufen, diese sich allmählich ins Bild schiebenden Hausfassaden, dieses Geäst von Bäumen, das ein Muster in den Himmel zeichnet. Jedes Mal ist es wie ein Rausch, ein wiedergefundenes Glück. Man hatte das Tageslicht schon fast vergessen, aber im Augenblick, als man der Unterwelt entkommt, ist es, als würde man einem tiefen Schacht entsteigen. Ah! Ja, alles beginnt hier von vorn, mit diesen langen Schatten, die bis in die Mulden der ausgetretenen Stufen hineintauchen. Mit jedem Schritt ändern sich die Geräusche, sie nehmen eine himmlische Klarheit an; man sieht noch kein Auto, auch keinen Fußgänger, aber man kennt dieses pulsierende Leben dort oben, ein Leben wie im Frühling oder Sommer. Das Herz pocht ein bisschen schneller, das liegt aber nicht an den Treppenstufen. Man müsste kurz stehen bleiben, unsichtbar, unbeachtet in der Anonymität, und nicht weiter hinaufsteigen, um diesen einmaligen Blick zu bewahren. Nichtsahnend bekommt man ihn geschenkt und, viel zu schnell, entgleitet er wieder. So ist das eben. Die letzten Schritte geht man nunmehr gemächlicher. Man erfasst den Geist der Stadt, atmet ihn in vollen Zügen ein. Am Ende der Treppe angekommen, wirft man einen zufriedenen Blick über ein Reich, das sich bereits wieder entzieht, sich verliert, sich in der großen Weite des Raumes und den vielfältigen Schicksalen auflöst. Man kann Paris nur in diesem einen Augenblick begreifen, kurz bevor man aus dem Schlund der Métro gespült wird.

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6.9.2017
Philippe Delerm: Station-service végétale
(aus: Traces)

Tankstellendschungel

Ganz aufgequollen von Wasser, glitten die wuscheligen Drehbürsten über die Karosserie. Manchmal blieb man bei sorgsam verschlossenen Fenstern im Wagen sitzen, um diese genüssliche Angst zu verspüren, wenn die Bürste über die Frontscheibe zuckelt, während die beiden seitlichen durch ihre Arbeit das Wageninnere weiter verdunkeln. Nun sind fast fünf Jahre vergangen, seitdem der Supermarkt geschlossen hat. Allmählich beginnt Grün die Waschstraße zu verschlingen. Es war immer der gleiche Ablauf, metallisch, spannend, Handbremse zuverlässig gezogen, linkes Vorderrad bis zur Markierung. Man hörte zeit-weise ein Geratter, das Prasseln der Wasserstrahlen, alles wie eine vollautomatische Gym-nastikstunde, ein unabdingbares hydraulisches Orchester. Das metallische Fahrgestell glitt langsam vorbei, aber man hatte den Eindruck, dass das Auto selbst die Bewegung ausführ-te, wie durch Zauberhand.
Wie konnten diese ungeheuren Apparaturen, die sich – mittels eines Förderbandes und purem Stahl – der Pflege von Chrom und Autoblech verschrieben haben, der Invasion der Pflanzen zum Opfer fallen? Jeder Tag sieht die unzähmbaren Gräser vorrücken. Inzwischen halten sie das Heft fest in der Hand. Die Zapfsäulen sind verschwunden. Einige Benzinflecken haben im Beton überdauert. Anfangs kamen die Kinder zum Inlinerfahren hierher, dann hat man das Gelände als zu gefährlich erachtet. Ein Brachland ist es dennoch nicht: Jedes Überbleibsel der Waschstraße hätte noch seine Geschichte zu erzählen. Stück für Stück lässt sich erahnen, welche Funktion den einzelnen Teilen der Anlage einst oblag: Trocknen, Arretierung… Die untergehende Sonne hat noch einmal in diesem seltsam honigsüßen Licht der Vergangenheit gespielt. Die regenbogenfarbenen Bürsten machen gemeinsame Sache mit den Gräsern, in einem Vakuum der Stille. Zauberhaft schön, abgrundtief hässlich, in jedem Fall auf seltsame Weise anders. Das Getöse der Vergangenheit lebt nun in der Stille.

 

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12.4.2017
Philippe Delerm: Un coeur en feu
(aus: Traces)

Ein leuchtendes Herz 

Zunächst nimmt man sie gar nicht wahr. Wie könnte die rote Ampel auch etwas mitzuteilen haben? Sie ist im Grunde genommen nicht einmal der Rede wert, nur reine Funktion. Ein Verbot. Die Aussage ist eindeutig. Rot heißt stehen bleiben. Was macht man an einer roten Ampel? Man wartet, mustert sie ungeduldig aus dem Augenwinkel heraus. Aber eines Tages… Warum gerade hier, an der Ecke rue Commines und Boulevard des Filles-du-Calvaire, unmittelbar vor der Steigung Richtung Oberkampf? Eines Tages schaut man nicht mehr nur beiläufig zur Ampel hin, betrachtet sie vielmehr ganz bewusst. 

So ist das, wenn man in der Stadt unterwegs ist. Die meiste Zeit treibt man irgendwie dahin, verloren zwischen unscharfen Gedanken und der Weiterfahrt auf der vertrauen Route. Aber ab und an braucht man eine Atempause. Da taucht etwas auf, das einem unscheinbaren Augenblick gewissermaßen einen besonderen Wert gibt. Im Leben sollte man in einem Weg nicht nur einen bloßen Weg sehen. Im Grunde erwartet man von sich selbst, wohl beinahe unbewusst, daraus etwas mehr zu machen, hie und da eine Verbindung mit dem einzuge-hen, was da gerade zu sehen ist. 

Aber hier… Man ist sich nicht gleich sicher. Gerade in dem Moment, als man sich sagte: Aber das ist doch kein gewöhnliches rotes Ampellicht, das ist doch ein Herz… Gerade in diesem Moment wechselt die Ampel auf Grün. Ab sofort wird man darauf achten. Beim zwei-ten Mal ist dann klar: Es war keine Einbildung. In der rue Commines, aber nicht nur dort. Jemand ist auf die Idee gekommen, über das obere, rote Ampellicht eine herzförmige Schablone zu kleben. Wie macht er oder sie das? Und zu welcher Uhrzeit? Unter welcher körperlicher Anstrengung? Wie kommt man auf so etwas? 

Das wird man nicht erfahren. Aber es tut gut, ein warmes Gefühl, diese friedliche Revolte. Eine einsame, völlig anonyme Tat, mit der da jemand den Leuten einen harmlosen Streich spielt. Es ist so phantasievoll, so uneigennützig und tatsächlich kostenlos, dieses Stück Widerspenstigkeit, dieses geschenkte Lächeln. Es ist noch besser als Robin Hood. Während die einen sich fragen, wie sie ihr Kapital vermehren können, klettern andere auf Ampeln hinauf.